Beiträge von Franz Ras

Fahrradfahrt ins Private

Wann hat die radikale Linke eigentlich damit begonnen, sich ins kleinst-bürgerliche zurückzuziehen? Sicher, die Single-Issue-Bewegungen, die bereits seit den späten 1970er Jahren mehr als identitätstiftende Sammelbecken für älter werdende Linke fungierten denn als sich als revolutionär begreifende Organisationen, haben bereits mehrere Generationen daran gehindert, die Überwindung kapitalistischer Strukturen als Ziel im Blick zu behalten. Eine Au oder ein Haus zu besetzen ist in Zeiten kaum vorhandener Arbeitskämpfe natürlich einfacher als Streiks zu organisieren. Das Problem ist dabei nicht so sehr, dass die Linke in nicht-kämpferischen Zeiten neue Taktiken des Kampfes und der Organisierung ausprobierte – das Problem der Entwicklung der Linken außerhalb der traditionellen ArbeiterInnenbewegung ist vielmehr, dass diese aus der Not des sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Klassenkampfes eine Tugend des Rückzugs ins immer Kleinteiligere machte. Am Ende der Entwicklung steht eine Generation Linksradikaler, deren vorrangiges Interesse im – Fahrradfahren besteht.

Individuelle Selbstzurücknahme

Critical Mass, Bike Punks, DIY-Fahrradwerkstätten sind während der vergangenen Jahre zu einem zentralen Bestandteil des linken Spektrums geworden. Die Relevanz des Fahrradfahrens für die Veränderung der bestehenden Verhältnisse erschließt sich nur vor dem Hintergrund einer radikalen Ideologie menschlichen Sich-Zurücknehmens. So wird vegan nicht nur gegessen, sondern „gelebt“, um reales oder imaginiertes Tierleid zu vermeiden; Reisen wird vermieden, um der Umwelt nicht zu schaden und weil Menschen aus der Ersten Welt ohnehin per se kolonialistisch auftreten; Guerilla-Gärtnern wird zum höchsten Ausdruck progressiver Selbstbestimmung. Und: Fahrrad fahren. Keine Abgase, keine Lärm, keine Belästigung anderer Menschen, weil man ja selbst auch nicht belästigt werden will. Die individuelle Befindlichkeit scheint ohnehin langsam zum Angelpunkt „linker“ Debatten zu werden. Wo mehrere Linke zusammentreffen wird mittlerweile ausführlicher die Frage diskutiert, ob nun am Ort des Aufeinandertreffens geraucht werden darf, als Inhalte ausgetauscht werden. Das Fahrrad nun ist der höchste Ausdruck der individuellen Selbstzurücknahme des Menschen. Allein fährt man durch die Stadt, freut sich dabei niemandem zu schaden und pflegt dabei noch einen obskuren selbstentsagenden Körperkult, der ebenfalls unhinterfragtes Identitätsmerkmal vieler Linksradikaler geworden ist.

Fixie ohne Bremsen

Für das jahrzehntelang gepflegte linksradikale Selbstverständnis kompromisslosen Dagegenseins hat die Konzentration auf Radeln fatale Auswirkungen. Man will ja nichts als ein paar neue Radwege, und dabei sieht man sich als von allen Seiten (AutofahrerInnen, Medien, FußgängerInnen, PolitikerInnen) bedrängte revolutionäre Minderheit, die allein durch umweltschonende Fortbewegung die Welt verändern könne – würde sie nicht von erwähnten Kontrahenten ständig daran gehindert. Wenn es aber nur mehr um die Schaffung von Radwegen geht, beschränkt sich die politische Praxis auf die Unterstützung grüner VerkehrspolitikerInnen. Die monatliche Critical-Mass-Demo ist die einzige Reminiszenz an organisiertes Auftreten, die restliche Zeit schraubt man am eigenen Gefährt herum und meint, in der kollektiv betriebenen Fahrradwerkstatt die höchste Form von Vergesellschaftung gefunden zu haben. Im Alltag unterscheidet man sich von nicht-revolutionären RadlerInnen bestenfalls durch einen einschlägigen Aufnäher oder ein Zahnrad-Tattoo. Sonst fällt man nicht weiter unangenehm auf; ein Fixie ohne Bremsen zu fahren ist für Fahrrad-RevolutionärInnen die höchste Form zivilen Ungehorsams.
Die radikale Linke hat mit ihrem Zweiradkult nichts zu verlieren außer der Perspektive auf die Befreiung der Menschheit. Sie hat eine Fahrradkette zu gewinnen.

Unendliche Zersplitterung in zweierlei Gestalt

Wäre man Verschwörungstheoretiker und ginge als solcher davon aus, dass interessierte Kreise nach der historischen Niederlage der globalen Linken 1989-91 sicherstellen wollten, dass im Zentrum Europas die Linke längerfristig nicht geeint auftreten könne, dann läge der Schluss nahe, dass in die deutsche Linke zwei ideologische Versatzstücke hineingetragen wurden, die genau ein solches Szenario für Jahrzehnte garantieren. Die Rede ist von der „antideutschen“ Ideologie einerseits, vom „Antirevisionismus“ andererseits.

Kernfragen linker Identität

Die „Antideutschen“ banden die Kräfte der autonomen Linken in der BRD – und en miniature auch in Österreich – mittels jahrelanger letztlich fruchtloser Debatten und sorgten für die Zersplitterung vormals stark Gruppen. Am Ende wechselten gar große Teile ehemals Radikaler ideologisch ins Lager bürgerlicher Kriegstreiber. Dabei wurden von den „antideutschen“ Ideologen en passant über Jahrzehnte gültige kleinste gemeinsame Nenner für Linke aller Strömungen – etwa die Gegnerschaft zu imperialistischen Kriegen, Solidarität mit antikolonialen Kämpfen etc. – einfach hinweggefegt als würde es sich um modische Geschmacksveränderungen handeln und nicht etwa um Kernfragen linker Identität.
Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus wiederum wandelte sich von einer zunächst konstruktiven Auseinandersetzung mit antisemitischen Kontinuitäten in den postfaschistischen Gesellschaften zu einem Killer-Argument, das rationale Diskussionen in vielen Bereichen bis heute verunmöglicht. Während die Figur des „strukturellen Antisemitismus“ den Antisemitismus-Begriff auf gefährliche Weise verharmloste und unscharf werden ließ, hat die bedingungslose und von der realen politischen Situation losgelöste Israel-Solidarität dazu geführt, dass von großen Teilen der deutschsprachigen Autonomen eine der schärfsten Waffen der Linken des 20. Jahrhunderts – der antiimperialistische Internationalismus – als reaktionäre Ideologie denunziert wurde. Als Hauptgegner wurden folgerichtig häufig andere Linke identifiziert, deren angeblicher „Antisemitismus“ für „Antideutsche“ bekämpfenswerter ist als die Kriegsmaschinerien der westlichen Länder.

Treue oder Verrat

Der „Antirevisionismus“ wiederum tauchte seit den 1990er Jahren vor allem in den Auseinandersetzungen innerhalb jener Parteien und Gruppierungen immer häufiger als Argument und Analyse-Tool auf, die bis zum Fall der Mauer und zum Ende der Sowjetunion treu an der Seite der realsozialistischen Staaten gestanden waren. Dass sich das komplexe Verhältnis von Grundsatzfestigkeit und Realpolitik nicht auf die Frage von Treue und Verrat reduzieren lässt, ist zwar schon seit den 1960er-Jahren klar als studentische Maoisten-Grüppchen die Revisionismus-Keule gegen die mit den „Moskau-Revisionisten“ sympathisierenden Parteien polemisierten. Die eifrigsten „Antirevisionisten“ verschwanden damals innerhalb kürzester Zeit in den bürgerlichen Parteien, im Privatleben oder in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.
Die heutigen Antirevisionisten hingegen sind angetreten, um die Niederlage des Realsozialismus zu erklären und den seit 1991 etwas hilflos wirkenden westlichen KP‘s zu neuem Ruhm zu verhelfen bzw. diese durch „marxistisch-leninistische“ Neugründungen hinter sich zu lassen. Die dem gesamten „Revisionismus“-Komplex zugrundeliegende Annahme – dass der „ideologische“ Verrat von Parteiführern einen wesentlichen Anteil sowohl am Verschwinden der Sowjetunion und ihrer Satelliten, als auch an der Bedeutungslosigkeit europäischer Kommunistischer Parteien in der Gegenwart habe – könnte unmaterialistischer kaum sein. Die Niederlage des real existierenden Sozialismus ist demnach nicht mit ökonomischen Schwächen, einem fehlentwickelten politischen System und daraus resultierenden Hegemonieeinbußen oder der grundlegenden Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus auf globaler Ebene zu erklären, sondern schlicht mit der Verlotterung vor allem der sowjetischen KP-Führung nach dem Tod Stalins. Subtilere Ansätze sprechen von einer Verbürgerlichung der politischen Eliten der sozialistischen Länder infolge einer ökonomischen Besserstellung und bauen auf diese Weise materialistische Versatzstücke in ihre Erklärung ein; plumpere „Antirevisionisten“ sprechen schon mal davon, dass die gesamte sowjetische Führung ab einem bestimmten Zeitpunkt von Washington gekauft worden sei.
Doch verkürzte historische Analysen sind das eine. Was das Revival des „Antirevisionismus“ für die „traditionsmarxistischen“ Parteien und Gruppierungen so fatal macht, ist, dass dieser Ansatz eine organisatorische Zersplitterung ad infinitum ermöglicht. Waren Spaltungen in diesen Kreisen bis vor kurzem als „trotzkistisch“ verpönt, so hört und liest man seit einigen Jahren bei jeder kleinen innerorganisatorischen Auseinandersetzung, dass eine Spaltung manchmal historisch besser sei als der Versuch, Unvereinbares unter einen Hut zu bringen. Dass sich indes nach jeder organisatorischen Neugründung jemand findet, der noch ein bisschen antirevisionistischer ist als der Rest und somit neue Spaltungen und ergebnislose Auseinandersetzungen um die reine Lehre vorprogrammiert sind, ist das eine; dass sich jene, die die Verbürgerlichung der Führungen der KP‘s und deren politische Orientierungslosigkeit nach 1991 zurecht und anfangs mit rationalen Argumenten bekämpft hatten, selbst ins sektiererische Aus manövriert haben, das andere.

Historische Niederlage

Über die radikale Linke im deutschsprachigen Raum brauchen sich FreundInnen der bestehenden Weltordnung derzeit nicht den Kopf zu zerbrechen. Die beiden zentralen Strömungen – Autonome und (ehemalige) KP‘s bzw. deren Nachfolger – sind durch irrationale Ideologien gelähmt und werden sich wohl auf absehbare Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigen anstatt ihre tatsächlichen Gegner zu bekämpfen. Wäre man Verschwörungstheoretiker, man könnte meinen, irgendjemand hat Anfang der 1990er Jahre die deutschsprachige Linke mit genialen Selbstzerstörungsargumenten beliefert um deren größte historische Niederlage auf Jahre und Jahrzehnte zu verlängern. Die Wahrheit ist wohl weit weniger geheimnisvoll. Ein Blick in die Geschichte zeigt: je marginalisierter fortschrittliche Kräfte sind, desto stärker beschäftigen diese sich immer mit sich selbst. Die Projektion der eigenen Schwäche auf „Verräter“ und „Reaktionäre“ in den eigenen Reihen verunmöglicht gleichzeitig das Wiedererlangen linker Handlungsfähigkeit.