Fahrradfahrt ins Private

Wann hat die radikale Linke eigentlich damit begonnen, sich ins kleinst-bürgerliche zurückzuziehen? Sicher, die Single-Issue-Bewegungen, die bereits seit den späten 1970er Jahren mehr als identitätstiftende Sammelbecken für älter werdende Linke fungierten denn als sich als revolutionär begreifende Organisationen, haben bereits mehrere Generationen daran gehindert, die Überwindung kapitalistischer Strukturen als Ziel im Blick zu behalten. Eine Au oder ein Haus zu besetzen ist in Zeiten kaum vorhandener Arbeitskämpfe natürlich einfacher als Streiks zu organisieren. Das Problem ist dabei nicht so sehr, dass die Linke in nicht-kämpferischen Zeiten neue Taktiken des Kampfes und der Organisierung ausprobierte – das Problem der Entwicklung der Linken außerhalb der traditionellen ArbeiterInnenbewegung ist vielmehr, dass diese aus der Not des sozialpartnerschaftlich ausgehandelten Klassenkampfes eine Tugend des Rückzugs ins immer Kleinteiligere machte. Am Ende der Entwicklung steht eine Generation Linksradikaler, deren vorrangiges Interesse im – Fahrradfahren besteht.

Individuelle Selbstzurücknahme

Critical Mass, Bike Punks, DIY-Fahrradwerkstätten sind während der vergangenen Jahre zu einem zentralen Bestandteil des linken Spektrums geworden. Die Relevanz des Fahrradfahrens für die Veränderung der bestehenden Verhältnisse erschließt sich nur vor dem Hintergrund einer radikalen Ideologie menschlichen Sich-Zurücknehmens. So wird vegan nicht nur gegessen, sondern „gelebt“, um reales oder imaginiertes Tierleid zu vermeiden; Reisen wird vermieden, um der Umwelt nicht zu schaden und weil Menschen aus der Ersten Welt ohnehin per se kolonialistisch auftreten; Guerilla-Gärtnern wird zum höchsten Ausdruck progressiver Selbstbestimmung. Und: Fahrrad fahren. Keine Abgase, keine Lärm, keine Belästigung anderer Menschen, weil man ja selbst auch nicht belästigt werden will. Die individuelle Befindlichkeit scheint ohnehin langsam zum Angelpunkt „linker“ Debatten zu werden. Wo mehrere Linke zusammentreffen wird mittlerweile ausführlicher die Frage diskutiert, ob nun am Ort des Aufeinandertreffens geraucht werden darf, als Inhalte ausgetauscht werden. Das Fahrrad nun ist der höchste Ausdruck der individuellen Selbstzurücknahme des Menschen. Allein fährt man durch die Stadt, freut sich dabei niemandem zu schaden und pflegt dabei noch einen obskuren selbstentsagenden Körperkult, der ebenfalls unhinterfragtes Identitätsmerkmal vieler Linksradikaler geworden ist.

Fixie ohne Bremsen

Für das jahrzehntelang gepflegte linksradikale Selbstverständnis kompromisslosen Dagegenseins hat die Konzentration auf Radeln fatale Auswirkungen. Man will ja nichts als ein paar neue Radwege, und dabei sieht man sich als von allen Seiten (AutofahrerInnen, Medien, FußgängerInnen, PolitikerInnen) bedrängte revolutionäre Minderheit, die allein durch umweltschonende Fortbewegung die Welt verändern könne – würde sie nicht von erwähnten Kontrahenten ständig daran gehindert. Wenn es aber nur mehr um die Schaffung von Radwegen geht, beschränkt sich die politische Praxis auf die Unterstützung grüner VerkehrspolitikerInnen. Die monatliche Critical-Mass-Demo ist die einzige Reminiszenz an organisiertes Auftreten, die restliche Zeit schraubt man am eigenen Gefährt herum und meint, in der kollektiv betriebenen Fahrradwerkstatt die höchste Form von Vergesellschaftung gefunden zu haben. Im Alltag unterscheidet man sich von nicht-revolutionären RadlerInnen bestenfalls durch einen einschlägigen Aufnäher oder ein Zahnrad-Tattoo. Sonst fällt man nicht weiter unangenehm auf; ein Fixie ohne Bremsen zu fahren ist für Fahrrad-RevolutionärInnen die höchste Form zivilen Ungehorsams.
Die radikale Linke hat mit ihrem Zweiradkult nichts zu verlieren außer der Perspektive auf die Befreiung der Menschheit. Sie hat eine Fahrradkette zu gewinnen.