Unendliche Zersplitterung in zweierlei Gestalt

Wäre man Verschwörungstheoretiker und ginge als solcher davon aus, dass interessierte Kreise nach der historischen Niederlage der globalen Linken 1989-91 sicherstellen wollten, dass im Zentrum Europas die Linke längerfristig nicht geeint auftreten könne, dann läge der Schluss nahe, dass in die deutsche Linke zwei ideologische Versatzstücke hineingetragen wurden, die genau ein solches Szenario für Jahrzehnte garantieren. Die Rede ist von der „antideutschen“ Ideologie einerseits, vom „Antirevisionismus“ andererseits.

Kernfragen linker Identität

Die „Antideutschen“ banden die Kräfte der autonomen Linken in der BRD – und en miniature auch in Österreich – mittels jahrelanger letztlich fruchtloser Debatten und sorgten für die Zersplitterung vormals stark Gruppen. Am Ende wechselten gar große Teile ehemals Radikaler ideologisch ins Lager bürgerlicher Kriegstreiber. Dabei wurden von den „antideutschen“ Ideologen en passant über Jahrzehnte gültige kleinste gemeinsame Nenner für Linke aller Strömungen – etwa die Gegnerschaft zu imperialistischen Kriegen, Solidarität mit antikolonialen Kämpfen etc. – einfach hinweggefegt als würde es sich um modische Geschmacksveränderungen handeln und nicht etwa um Kernfragen linker Identität.
Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus wiederum wandelte sich von einer zunächst konstruktiven Auseinandersetzung mit antisemitischen Kontinuitäten in den postfaschistischen Gesellschaften zu einem Killer-Argument, das rationale Diskussionen in vielen Bereichen bis heute verunmöglicht. Während die Figur des „strukturellen Antisemitismus“ den Antisemitismus-Begriff auf gefährliche Weise verharmloste und unscharf werden ließ, hat die bedingungslose und von der realen politischen Situation losgelöste Israel-Solidarität dazu geführt, dass von großen Teilen der deutschsprachigen Autonomen eine der schärfsten Waffen der Linken des 20. Jahrhunderts – der antiimperialistische Internationalismus – als reaktionäre Ideologie denunziert wurde. Als Hauptgegner wurden folgerichtig häufig andere Linke identifiziert, deren angeblicher „Antisemitismus“ für „Antideutsche“ bekämpfenswerter ist als die Kriegsmaschinerien der westlichen Länder.

Treue oder Verrat

Der „Antirevisionismus“ wiederum tauchte seit den 1990er Jahren vor allem in den Auseinandersetzungen innerhalb jener Parteien und Gruppierungen immer häufiger als Argument und Analyse-Tool auf, die bis zum Fall der Mauer und zum Ende der Sowjetunion treu an der Seite der realsozialistischen Staaten gestanden waren. Dass sich das komplexe Verhältnis von Grundsatzfestigkeit und Realpolitik nicht auf die Frage von Treue und Verrat reduzieren lässt, ist zwar schon seit den 1960er-Jahren klar als studentische Maoisten-Grüppchen die Revisionismus-Keule gegen die mit den „Moskau-Revisionisten“ sympathisierenden Parteien polemisierten. Die eifrigsten „Antirevisionisten“ verschwanden damals innerhalb kürzester Zeit in den bürgerlichen Parteien, im Privatleben oder in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.
Die heutigen Antirevisionisten hingegen sind angetreten, um die Niederlage des Realsozialismus zu erklären und den seit 1991 etwas hilflos wirkenden westlichen KP‘s zu neuem Ruhm zu verhelfen bzw. diese durch „marxistisch-leninistische“ Neugründungen hinter sich zu lassen. Die dem gesamten „Revisionismus“-Komplex zugrundeliegende Annahme – dass der „ideologische“ Verrat von Parteiführern einen wesentlichen Anteil sowohl am Verschwinden der Sowjetunion und ihrer Satelliten, als auch an der Bedeutungslosigkeit europäischer Kommunistischer Parteien in der Gegenwart habe – könnte unmaterialistischer kaum sein. Die Niederlage des real existierenden Sozialismus ist demnach nicht mit ökonomischen Schwächen, einem fehlentwickelten politischen System und daraus resultierenden Hegemonieeinbußen oder der grundlegenden Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Sozialismus auf globaler Ebene zu erklären, sondern schlicht mit der Verlotterung vor allem der sowjetischen KP-Führung nach dem Tod Stalins. Subtilere Ansätze sprechen von einer Verbürgerlichung der politischen Eliten der sozialistischen Länder infolge einer ökonomischen Besserstellung und bauen auf diese Weise materialistische Versatzstücke in ihre Erklärung ein; plumpere „Antirevisionisten“ sprechen schon mal davon, dass die gesamte sowjetische Führung ab einem bestimmten Zeitpunkt von Washington gekauft worden sei.
Doch verkürzte historische Analysen sind das eine. Was das Revival des „Antirevisionismus“ für die „traditionsmarxistischen“ Parteien und Gruppierungen so fatal macht, ist, dass dieser Ansatz eine organisatorische Zersplitterung ad infinitum ermöglicht. Waren Spaltungen in diesen Kreisen bis vor kurzem als „trotzkistisch“ verpönt, so hört und liest man seit einigen Jahren bei jeder kleinen innerorganisatorischen Auseinandersetzung, dass eine Spaltung manchmal historisch besser sei als der Versuch, Unvereinbares unter einen Hut zu bringen. Dass sich indes nach jeder organisatorischen Neugründung jemand findet, der noch ein bisschen antirevisionistischer ist als der Rest und somit neue Spaltungen und ergebnislose Auseinandersetzungen um die reine Lehre vorprogrammiert sind, ist das eine; dass sich jene, die die Verbürgerlichung der Führungen der KP‘s und deren politische Orientierungslosigkeit nach 1991 zurecht und anfangs mit rationalen Argumenten bekämpft hatten, selbst ins sektiererische Aus manövriert haben, das andere.

Historische Niederlage

Über die radikale Linke im deutschsprachigen Raum brauchen sich FreundInnen der bestehenden Weltordnung derzeit nicht den Kopf zu zerbrechen. Die beiden zentralen Strömungen – Autonome und (ehemalige) KP‘s bzw. deren Nachfolger – sind durch irrationale Ideologien gelähmt und werden sich wohl auf absehbare Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigen anstatt ihre tatsächlichen Gegner zu bekämpfen. Wäre man Verschwörungstheoretiker, man könnte meinen, irgendjemand hat Anfang der 1990er Jahre die deutschsprachige Linke mit genialen Selbstzerstörungsargumenten beliefert um deren größte historische Niederlage auf Jahre und Jahrzehnte zu verlängern. Die Wahrheit ist wohl weit weniger geheimnisvoll. Ein Blick in die Geschichte zeigt: je marginalisierter fortschrittliche Kräfte sind, desto stärker beschäftigen diese sich immer mit sich selbst. Die Projektion der eigenen Schwäche auf „Verräter“ und „Reaktionäre“ in den eigenen Reihen verunmöglicht gleichzeitig das Wiedererlangen linker Handlungsfähigkeit.